Prof. Dr. Stefan Etzel

Flow Performance - Im Sport, im Job und im Leben

Health & FitnessSports

Listen

All Episodes

Entschlossenheit im Angesicht des Ungewissen

In dieser Folge erkunden Alex Moreno und Prof. Dr. Jonas Keller, wie wir in unsicheren Situationen überzeugende Entscheidungen treffen können. Sie zeigen, warum der Mut zur Einfachheit, das Vertrauen in Intuition und das bewusste Steuern der inneren Ordnung den Unterschied zwischen lähmender Unsicherheit und fließender Performance ausmachen.

This show was created with Jellypod, the AI Podcast Studio. Create your own podcast with Jellypod today.

Is this your podcast and want to remove this banner? Click here.


Chapter 1

Entscheidungen in Unsicherheit erleben

Prof. Dr. Jonas Keller

Willkommen zu Flow Performance – im Sport, im Job und im Leben. Heute widmen wir uns einem Thema, das jeden betrifft, der Verantwortung trägt: Entscheidungen treffen, wenn die Zukunft völlig offen, die Faktoren unsicher und die Auswirkungen manchmal gar nicht absehbar sind. Alex, ich glaube, genau das ist die Erfahrung, die dich auf dem Tennisplatz und mittlerweile auch abseits davon immer wieder begleitet hat?

Tennisprofi Alex Moreno

Das stimmt, Jonas. Entscheidungen unter Unsicherheit – das ist quasi mein täglich Brot, seit ich denken kann. Im Match stehst du da, alles läuft schnell, und ehrlich gesagt: Kaum mal hast du alle Infos. Manchmal hast du sogar zu viel davon. Ich erinnere mich an ein Spiel – Challenger-Turnier, es ging um den Finaleinzug – und ich hatte auf einmal so viele taktische Möglichkeiten, der Kopf war komplett voll. Plötzlich wird der leichteste Ball zur Falle. Statt einfach den Ball zu schlagen, wie ich es Hunderte Male gemacht habe, zögere ich – überlege, vergleiche Optionen… und falle auf die Nase. Der Ball fliegt ins Netz. Entscheidungen vertagt, weil zu viele Wege offen sind.

Prof. Dr. Jonas Keller

Dieses Zögern, das du beschreibst, findet sich nicht nur im Sport, sondern genau so, in Organisationen und im Alltag. Die Organisationsforschung nennt das das „Garbage-Can-Modell“. Entscheidungen werden so lange aufgeschoben, bis nur noch eine einzige Alternative bleibt – und plötzlich wählt man, was übriggeblieben ist. Nicht aus Überzeugung, sondern weil keine echte Wahl mehr vorhanden ist. Im Management, in der Medizin – 93 Prozent der Ärzte zum Beispiel handeln oft defensiv, aus Angst vor Fehlern, nicht weil ihnen die beste Option fehlt, sondern der Mut zur Entscheidung. Und im Sport – du hast es erlebt – kann diese Gedankenschleife einen eigentlich simplen Ball zur Stolperstelle machen.

Tennisprofi Alex Moreno

Genau! Manchmal dachte ich nach einer Niederlage: Hättest du einfach gemacht, statt zu zweifeln, wäre es ein ganz normales Match gewesen. Aber sobald zu viele Alternativen da sind, fehlt der Zugriff. Man steht sich selbst im Weg. Im Nachhinein war's nie die falsche Taktik, sondern das Nicht-Handeln. Und ich sag’s mal so: Es tut genauso weh auf dem Platz wie im echten Leben.

Prof. Dr. Jonas Keller

...Spannend ist, dass dieses Muster im Kern evolutionär verankert ist – unser limbisches System reagiert auf Unsicherheit mit Alarmbereitschaft. Früher war das Überleben damit gesichert – heute lähmt es uns, weil das „Rascheln im Gebüsch“ nun vielleicht Excel-Daten und Marktprognosen sind. Die Folge? Überreaktion, Schnellschüsse oder totale Starre. Für Führungskräfte, für Sportler – für uns alle geht es darum, diese Spannung nicht auszublenden, sondern sie auszuhalten und trotzdem eine Richtung einzuschlagen. Denn, und das zeigt deine Erfahrung, Alex: Wer nicht entscheidet, hat schon entschieden. Nur nicht auf den Ausgang, sondern für Stillstand.

Chapter 2

Rationalität, Intuition und die Illusion der Kontrolle

Prof. Dr. Jonas Keller

Oft hören wir, Entscheidungen müssten rational, am besten auf Basis von Zahlen und Fakten getroffen werden – gerade in Unternehmen. Doch diese Vorstellung ist ein Trugbild. Die reine Rationalität existiert nur in Entscheidungstheorien, nicht in der echten Welt. Kein Mensch, keine Führungskraft und kein Spieler hat jemals alle Wahrscheinlichkeiten und Konsequenzen zur Verfügung. 95 Prozent aller Entscheidungstheorien tun so, als gäbe es vollständige Kontrolle, doch die Praxis zeigt: Wir entscheiden meist im Zusammenspiel von Mustern, Erfahrung und emotionalen Schemata.

Tennisprofi Alex Moreno

Ich kann das nur bestätigen. In meinen besten Matches habe ich nie überlegt, ob der Return jetzt statistisch ein Winner wird oder nicht. Das passiert im Flow einfach – du erkennst das Muster, dein Körper weiß, was zu tun ist. Man nennt das Intuition, aber für mich ist es Erfahrungswissen, das schneller ist als mein Denken. Das unterscheidet die richtig Guten von denjenigen, die sich in jedem Ballwechsel verlieren. Überanalyse killt das nächste Level komplett.

Prof. Dr. Jonas Keller

Das deckt sich mit allem, was wir aus der Psychologie und der Behavioral Economics wissen. Ein sehr gutes Beispiel: Dan Ariely beschreibt, wie Anwaltsgruppen in zwei Situationen völlig anders entscheiden – einmal, wenn das ökonomische Denken aktiviert ist („Würden Sie für die Hälfte Ihres Honorars arbeiten?“), das nächste Mal, wenn es sozial aktiviert wird („Würden Sie Obdachlose pro bono vertreten?“). Es ist dasselbe Szenario, aber ein ganz anderes Urteil. Unser Urteil hängt also davon ab, welches mentales Schema gerade aktiv ist, nicht von der objektiven Situation.

Tennisprofi Alex Moreno

Und manchmal merk ich, wie komisch es klingt: Intuition klingt gefährlich, weil du sie nicht rational erklären kannst. Aber keiner der Topspieler macht das anders. Du trainierst das Richtige, du entwickelst ein Gefühl, wann du auf Risiko gehen musst – manchmal liegst du daneben, aber viel öfter bist du genau richtig. Die Theorie ergibt auf dem Papier Sinn – aber dein Körper weiß es oft besser. Manchmal jedenfalls. Ich vertraue der Erfahrung, nicht der Statistik.

Prof. Dr. Jonas Keller

Spannend ist: Genau darin liegt eine moderne Form von Rationalität. Sie besteht darin, zu erkennen, wann man Erfahrungen, unbewusste Mustererkennung und Intuition einsetzen kann und wann Analytik wirklich weiterhilft. Unternehmen, die nur auf Daten vertrauen, übersehen, dass diese immer schon veraltet sind, wenn die Entscheidung wichtig wird. Und: Bauchgefühl ist nicht gleich Intuition. Intuition ist Erfahrungswissen, das sich in Routinen und Mustern niederschlägt. Wie beim Tennisprofi der nicht Flugparabeln berechnet, sondern den Ball antizipiert. Leistung entsteht, wenn Denken, Fühlen und Handeln in einem klaren inneren Ordnungszustand verschmelzen. Flow ist genau das.

Tennisprofi Alex Moreno

Und ich würde sagen: Je mehr man das versteht, desto leichter fällt es, dieses Gefühl zu akzeptieren – auch wenn man’s nicht perfekt erklären kann. Am Ende bist du als Sportler wie als Mensch immer beteiligt… und alles fängt eben damit an, dem eigenen Urteil zu vertrauen. Auch wenn's manchmal schiefgeht.

Chapter 3

Mut zur Einfachheit und robuste Entscheidungen

Prof. Dr. Jonas Keller

Lass uns ehrlich sein: Je komplexer die Welt wird, desto mehr verlieren wir in Details, Daten, Optionen. Und doch zeigt die Forschung von Gerd Gigerenzer und anderen: In wirklich komplexen, unübersichtlichen Situationen sind einfache, robuste Entscheidungsregeln oft das Beste. Feuerwehrleute trainieren: Das Weiße muss in das Rote. Das klingt banal, ist aber in kritischen Situationen lebensrettend – und macht Komplexität handhabbar. Das ist Heuristik: Klare, einfache Leitplanken für fokussiertes Handeln.

Tennisprofi Alex Moreno

Total. Ich hab in Matches erlebt: Sobald ich im Kopf angefangen hab, alles kontrollieren zu wollen, war ich raus. Das Spiel ist dann nicht mehr zu greifen. Erst wenn ich mich auf meine Basics verlassen hab – einen klaren Aufschlag, eine Routine beim Return, mein Ritual mit dem Schläger – lief es. Die Routinen halten dich, wenn der Druck zu groß wird. Sie geben dir Halt. Nicht perfekt, aber zuverlässig. Und das rettet dich in kritischen Momenten viel öfter als jede komplexe Analyse.

Prof. Dr. Jonas Keller

Das ist ein zentraler Punkt – auch für Führungskräfte. Die Kunst ist, Intuition und Struktur zu verbinden. Nicht alles kontrollieren, sondern mit klaren Heuristiken den Raum schaffen, in dem Entscheidungen möglich werden. Dazu kommt mein Bild vom inneren Dirigenten: Jeder Mensch, jede Führungskraft, steht früher oder später vor dem eigenen mentalen Orchester. Gedanken, Gefühle, Handlungsimpulse – alles spielt zusammen. Aber du musst bewusst steuern, welche Melodie du anstimmst. Das bedeutet, Komplexität im eigenen Denken zu ordnen, zwischen Routinen, Intuition und bewusster Entscheidung zu balancieren. Für mich ist das der Schritt von der bloßen Reaktion zur Selbstführung. Darin findet sich letztlich auch der Flow wieder.

Tennisprofi Alex Moreno

Das Bild gefällt mir. Im Sport lernst du, dass Risiko dazugehört. Mut zur Einfachheit heißt dann: Bewusst entscheiden – auch das Risiko akzeptieren, Fehler einkalkulieren, aber nicht aus Angst vor Fehlern steckenbleiben. Ich hab Matches verloren, weil ich gezögert hab – aber die besten Momente waren immer die, in denen ich mich auf das, was ich kann, konzentriert hab. Nicht alles abwägen, sondern spielen. Das gilt für die Wirtschaft, genauso wie auf dem Platz.

Prof. Dr. Jonas Keller

Und das ist die Einladung: Wer lernt, seine eigenen Prozesse bewusst zu ordnen, sich auf einfache, klare Regeln zu verlassen und dem Erfahrungswissen zu vertrauen – der wird robuster. Entscheiden heißt nicht, Fehler auszuschließen, sondern entschieden den Weg zu beschreiten und Chancen zu begrüßen, auch wenn Unsicherheit bleibt. Am Ende ist der Dirigent die Person, die aus Chaos Ordnung schafft. Die Klarheit gewinnt – und andere mitnimmt. Alex, was nimmst du heute für dich mit?

Tennisprofi Alex Moreno

Für mich ist das Entscheidende: Nicht jede Option ausrechnen, sondern zur Sache kommen. Die eigenen Routinen kennen – und ihnen im Zweifel auch vertrauen. Klar denken, einfach machen. Und wenn’s mal schiefgeht, dauert es nie so lange, bis sich die nächste Chance bietet. Wer entscheidet, wächst – jedes Mal ein Stück.

Prof. Dr. Jonas Keller

Genau das wollen wir in kommenden Episoden weiter erforschen: Wie Balance zwischen Klarheit und Mut, zwischen Kontrolle und Intuition entsteht – und was Menschen Auftritt verschafft, auch wenn der Boden wackelt. Alex, danke für deine Erfahrungen heute – und ich freue mich bereits auf unseren nächsten gemeinsamen Gedankengang.

Tennisprofi Alex Moreno

Ich danke dir, Jonas. Immer wieder spannend, wie Sport und Psychologie näher zusammenliegen, als man denkt. Bis bald, freut mich drauf!