Prof. Dr. Stefan Etzel

Flow Performance - Im Sport, im Job und im Leben

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Lebenslanges Lernen: Raus aus der Komfortzone

In dieser Folge geht es darum, warum echtes Lernen nicht beim Verstehen endet, sondern durch Wiederholung, Aufmerksamkeit und unter Druck abrufbares Können entsteht. Außerdem sprechen wir darüber, wie neue Reize, Bewegung, Schlaf und eine offene Haltung Entwicklung möglich machen.

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Chapter 1

Lernen heißt Umbau

Tennisprofi Alex Moreno

Wenn ich an Lernen denke, denke ich an Bewegung unter Widerstand. Lernen zeigt sich nicht in dem Moment, in dem alles leichtgeht. Es zeigt sich dann, wenn du müde bist, unsicher wirst und trotzdem noch einmal denselben Weg gehst. Genau dort trennt sich Wunsch von Wirklichkeit. Im Sport ist das brutal ehrlich. Ein guter Gedanke reicht nicht. Ein guter Schlag auch nicht. Erst wenn du etwas unter Druck wiederholen kannst, wird es verlässlich. Tomás hat das oft beschrieben. Und ich kenne das genauso: Meisterschaft entsteht nicht aus einem einzigen Aha-Moment, sondern aus vielen sauberen Wiederholungen – besonders dann, wenn es unbequem wird.

Prof. Dr. Jonas Keller

Prof. Dr. Stefan Etzel und Tomás Behrend zeigen in ihrem Flow-Performance-Konzept sehr klar: Lernen wird erst dann wirksam, wenn aus Wiederholung innere Ordnung entsteht. Alex hat gerade das Entscheidende gesagt – dass etwas erst dann wirklich deins ist, wenn du es unter Druck abrufen kannst. Genau dort setzt Neuroplastizität an. Das Gehirn ist kein starres Archiv, sondern ein lebendiges System. Mit jedem Gedanken, jeder Bewegung, jeder Wiederholung baut es um. Neue Bahnen entstehen, alte werden verstärkt, Unbenutztes wird zurückgebaut. Lernen heißt also nicht, Informationen abzuspeichern wie in einem Regal. Lernen heißt, Wege im System zu legen und durch Nutzung begehbar zu halten.

Tennisprofi Alex Moreno

Ja. Ich hab das auf dem Platz immer so gespürt: Wenn ich etwas nur verstand, war es noch nicht da. Wenn ich es hundertmal sauber trainiert hatte, wurde es stabil. Und wenn ich es im Match unter Stress abrufen konnte, dann war es wirklich meins. Vorher ist es eher so ein Trampelpfad. Ein guter Gedanke. Aber kein Weg, auf den du dich verlassen kannst.

Prof. Dr. Jonas Keller

Schönes Bild. Und es passt zu dem Schneefeld, das Stefan in diesem Zusammenhang gern nutzt. Einmal durch den Schnee gehen hinterlässt eine Spur. Viele Male denselben Weg gehen macht daraus einen klaren Pfad. Das ist im Gehirn ähnlich. Wiederholung verdichtet Signalwege. Dadurch wird nicht nur Erinnerung stabiler, sondern auch Handlung flüssiger. Aus Sicht von Flow Performance ist das entscheidend, weil Flow nicht auf Zufall ruht, sondern auf vorbereiteter innerer Struktur.

Tennisprofi Alex Moreno

Und das ist auch der Punkt, an dem viele ungeduldig werden. Sie lesen etwas, hören einen guten Satz, machen eine Übung zweimal und denken dann: Warum ist das noch nicht leicht? Ganz einfach. Weil das System noch nicht umgebaut ist. Übung macht nicht nur besser. Übung macht verfügbar.

Prof. Dr. Jonas Keller

Ja, verfügbar ist das richtige Wort. Und vielleicht noch etwas: Dieser Umbau endet nicht mit zwanzig. Auch Erwachsene bleiben lernfähig. Der Straßenbau wird langsamer, aber er hört nicht auf. Das ist eine sehr entlastende Erkenntnis. Man ist dem eigenen Muster also nicht ausgeliefert. Man kann neue Verbindungen aufbauen. Das braucht Wiederholung, Aufmerksamkeit und einen klaren Umgang mit dem, was man wirklich stärken will.

Tennisprofi Alex Moreno

Heißt für mich ganz praktisch: Hör auf, Lernen mit Sammeln zu verwechseln. Mehr Input ist nicht automatisch mehr Können. Wenn du besser werden willst, leg dir eine Sache raus und geh mit ihr arbeiten. Ein Schlag. Eine Gewohnheit. Eine Reaktion unter Druck. Weniger auf einmal. Dafür konsequent.

Prof. Dr. Jonas Keller

Und damit sind wir sehr nah an der Haltung von Etzel und Behrend: Nicht Wissen allein zählt, sondern verkörpertes Können. Oder anders gesagt: Nicht was du einmal verstanden hast, ordnet dein Leben, sondern was du wiederholt tust. Lernen ist Umbau. Und Umbau braucht einen Dirigenten. Bewusste Aufmerksamkeit, klare Wiederholung, geduldige Selbstführung.

Chapter 2

Wachstum beginnt außerhalb der Gewohnheit

Tennisprofi Alex Moreno

Der zweite Teil ist für mich fast noch wichtiger. Wiederholung ist die Basis, klar. Aber Fortschritt kommt nicht nur aus dem Immergleichen. Er kommt dann, wenn du dein System reizt. Im Tennis war das oft unangenehm. Neuer Rhythmus. Andere Belastung. Fehler. Peinliche Momente im Training. Aber genau da ist Entwicklung passiert. Wenn ich immer nur das trainiere, was ich schon kann, fühle ich mich gut, ja. Aber ich werde nicht besser.

Prof. Dr. Jonas Keller

Das ist ein zentraler Punkt. Das Gehirn liebt zwar Muster, aber es entwickelt sich besonders dann weiter, wenn Gewohnheit nicht mehr ausreicht. Neue Reize, Irritation, Variation – all das zwingt das System, neue Lösungen zu bilden. Im Sinne von Flow Performance könnte man sagen: Entwicklung beginnt dort, wo die alte Ordnung nicht mehr genügt und eine neue entstehen muss. Das braucht Mut, weil Unsicherheit im ersten Moment immer nach Kontrollverlust aussieht.

Tennisprofi Alex Moreno

Und Fehler gehören da rein. Nicht als Unfall, sondern als Teil vom Prozess. Ich habe oft gemerkt: Wenn ich etwas Neues probiere, sehe ich erst mal schlechter aus. Langsamer. Unsicherer. Das Ego hasst das. Aber ohne diese Phase bleibst du auf altem Niveau stehen.

Prof. Dr. Jonas Keller

Genau. Und damit aus Irritation wirklich Lernen wird, braucht das Gehirn Unterstützung. Drei Dinge sind hier besonders wichtig: Bewegung, geistige Aktivität und Schlaf. Bewegung hält das System offen und aufnahmefähig. Geistige Aktivität schafft neue Verknüpfungen. Und Schlaf ist die nächtliche Redaktion. Der Hippocampus sortiert, was tagsüber gesammelt wurde. Wenn der Schlaf fehlt, bleiben die Einkaufstüten des Tages gewissermaßen unausgepackt im Flur stehen. Man hat viel erlebt, aber wenig integriert.

Tennisprofi Alex Moreno

Das kenne ich aus dem Leistungssport sehr gut. Gerade in Phasen hoher Belastung merkt man, wie entscheidend die Regeneration für Aufnahmefähigkeit, Stabilität und Klarheit ist. Wenn der Kopf nicht mehr sortieren kann, wird selbst gute Information schwer verdaulich. Schlaf ist deshalb kein Nebenthema, sondern ein Teil des Lernprozesses selbst.

Prof. Dr. Jonas Keller

Darum sind auch ungewöhnliche Reize so wertvoll. Es gibt ja Ansätze wie Life Kinetik oder einfach ungewohnte Bewegungsformen. Das Prinzip dahinter ist nicht Spektakel, sondern Variation. Das Gehirn wird eingeladen, anders zu koppeln, flexibler zu werden, kreativer zu antworten. Das ist kein Nebenthema, sondern Kern eines nachhaltigen Lernverständnisses.

Tennisprofi Alex Moreno

Und am Ende führt das direkt zum Growth Mindset. Für mich heißt das ganz simpel: Ich bin nicht fertig. Ich werde. Entwicklung ist wichtiger als Perfektion. Perfektion macht eng. Wachstum macht lebendig.

Prof. Dr. Jonas Keller

Sehr schön gesagt. Carol Dwecks Begriff des Growth Mindset passt hier gut, aber im Geist von Flow Performance geht es noch etwas tiefer: Nicht ein starres Urteil über das Selbst, sondern eine offene Beziehung zur eigenen Entwicklung. Also weniger: So bin ich eben. Und mehr: So bin ich heute organisiert – und ich kann lernen. Das schafft inneren Raum. Und genau in diesem Raum wird Leistung nachhaltig.

Tennisprofi Alex Moreno

Dann ist vielleicht die wichtigste Frage nicht: Bin ich schon gut genug? Sondern: Bin ich noch bereit, zu lernen? Wenn die Antwort ja ist, geht was.

Prof. Dr. Jonas Keller

Und damit haben wir einen guten Schlusspunkt für heute. Lebenslanges Lernen bedeutet nicht, sich permanent zu überfordern, sondern bewusst in Bewegung zu bleiben – im Denken, im Körper, in der Haltung. Danke dir, Alex.

Tennisprofi Alex Moreno

Danke dir, Jonas. Bis zum nächsten Mal.

Prof. Dr. Jonas Keller

Bis bald, Alex. Mach’s gut.