Prof. Dr. Stefan Etzel

Flow Performance - Im Sport, im Job und im Leben

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Flow - wenn Mühelosigkeit zur Meisterschaft wird

Alex Moreno teilt seine eindrucksvolle Flow-Erfahrung aus einem Tennismatch, während Prof. Dr. Jonas Keller diese Erlebnisse wissenschaftlich einordnet. Gemeinsam beleuchten sie, wie Klarheit, Konzentration und innere Ordnung Flow ermöglichen und geben praktische Impulse für nachhaltige mentale Performance.

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Chapter 1

Den Flow-Zustand erleben

Tennisprofi Alex Moreno

....Weißt du, Jonas, ich erinnere mich an dieses eine Match, als hätte ich es gestern gespielt. Es war nicht das größte Turnier, kein Finale, aber irgendwas lief auf dem Platz plötzlich anders. Ich war vollkommen da – als hätte jemand die Welt leise gedreht. Der Ball kam auf mich zu, und ich wusste einfach, was zu tun ist. Ich habe nicht nachgedacht. Mein Arm hat einfach gemacht. Die Bewegungen liefen wie von selbst. Das Zeitgefühl ist irgendwie verschwommen, manchmal hatte ich das Gefühl, als zögen Minuten wie im Flug vorbei, dann wieder, als ob die Ballwechsel ewig dauern. Es war... flowig, wenn du so willst.

Prof. Dr. Jonas Keller

Das ist spannend, Alex. Deine Beschreibung trifft sehr genau das, was Psychologen – und insbesondere Mihály Csíkszentmihályi – als Flow bezeichnen. Es ist dieser Zustand, in dem Anstrengung und Leichtigkeit eins werden, Zeit ihre Bedeutung verliert, weil du vollkommen im Hier und Jetzt aufgehst. Es ist, wie Osho es mal formuliert hat: Werde der Tanz, vergiss den Tänzer. Da ist kein Nachdenken über den nächsten Schlag – du bist das Spiel selbst. Für Csíkszentmihályi ist Flow das optimale Gleichgewicht zwischen Herausforderung und eigener Fähigkeit, also genau zwischen Überforderung und Langeweile. Und dann entsteht eine Art Klarheit, eine Präsenz im Moment, fast wie ein Dirigent im Orchester, der Ordnung in die Geräusche bringt und dann, ja, das Orchester dirigiert – so ordnest du deine Gedanken und Handlungen.

Tennisprofi Alex Moreno

Mit dieser Dirigenten-Metapher kann ich echt was anfangen. Beim Tennis spürst du es ganz direkt: Bist du nur noch am Grübeln, klappt kein Schlag mehr. Aber bist du in diesem Modus – und ich meine diesen echten Flow, nicht das Angestrengte –, dann fühlt sich alles leicht an, wie Musik. Ich habe später mal gelesen, dass auch Nowitzki so einen Moment beschrieben hat. „Ich weiß dann, was zu tun ist, und ich weiß, dass ich es tun werde.“ Besser kann ich’s auch nicht sagen.

Prof. Dr. Jonas Keller

Und daraus wird sichtbar: Diese Flow-Erfahrung ist nicht auf den Sport beschränkt. Du findest sie beim Musizieren, im Job, beim Schreiben. Osho hat das sehr poetisch beschrieben: „Wenn du eine Blume anschaust, dann werde sie; löse dich auf im Tun.“ Das ist diese völlige Gegenwärtigkeit, Selbstvergessenheit – was fehlt, ist jede Form von erzwungener Kontrolle. Flow ist autotelisch, sagen wir in der Psychologie: Der Wert liegt nicht im Endergebnis, sondern im Tun an sich. Im Prinzip ist es eben das Glück, das entsteht, wenn du ganz bei dir bist – und dann wieder, wenn das Ich zurücktritt. Flow kann man nicht machen. Es passiert, wenn Ordnung und Klarheit entstehen, aber erzwungen werden kann es nie.

Tennisprofi Alex Moreno

Ja, genau. Du kannst trainieren, dich vorbereiten, aber wenn du es erzwingen willst, dann bist du wieder im Kopf. Die größten Flow-Momente waren nie die, in denen ich es unbedingt wollte – sondern die, in denen ich einfach losgelassen hab.

Prof. Dr. Jonas Keller

Und im Alltag? Manche denken ja, die Flow-Theorie sei ein nettes Extra für Kreative oder Sportler. Aber gerade im Business, im Familienleben, im ganz normalen Alltag – dort wo Alltag zu Lärm wird und Klarheit zur Seltenheit – genau da kann Flow als Ordnung im Inneren wirksam werden. „Innere Ordnung ist gleich äußere Ordnung“, so sagt man in Asien. Wer sich selbst ordnet, kann auch seine Umwelt besser gestalten. Deshalb: Flow ist nicht bloß ein schöner Zustand, sondern ein Prinzip, das überall wirkt, wo du mit Klarheit und Bewusstheit lebst.

Chapter 2

Wie Flow möglich wird – Zwischen Konzentration, Klarheit und Leichtigkeit

Prof. Dr. Jonas Keller

Wenn wir jetzt genauer fragen, wie Flow eigentlich möglich wird – dann landen wir bei klaren Zielen, unmittelbarem Feedback und einem geschützten Raum. Im Tennis ist das eindeutig: der Platz ist klar begrenzt, die Regeln sind bekannt, Punktgewinn oder -verlust spürt man sofort. Jeder weiß, was zu tun ist. Es gibt aber auch Schutzräume im Alltag: das kreative Setting, der ruhige Arbeitsplatz, das Gespräch, in dem du dich auf das Jetzt konzentrieren darfst. Flow entsteht, wenn Ablenkung verschwindet und Motivation nicht external gepusht werden muss, sondern aus dem Tun selbst kommt.

Tennisprofi Alex Moreno

Das kann ich nur bestätigen. Ich erinnere mich noch zu gut an ein Match gegen Meligeni – der Kerl war so einer, bei dem du keine Sekunde abschalten kannst. Dann kam die Regenpause. Für ihn ein totaler Killer, er hat geflucht, sich aufgeregt. Für mich war das der Türöffner: Ich saß da, hab dem Regen auf dem Dach zugehört, das war wie ein Rhythmusgeber. Alles wurde langsamer. Als es weiterging, war ich voll im Moment, hab neun Spiele in Folge gemacht. Ich war einfach drin – kein Lärm im Kopf, keine Frage nach Sieg oder Niederlage. Nur der nächste Punkt.

Prof. Dr. Jonas Keller

Das passt exakt zu den Erkenntnissen der Flow-Forschung. Rituale und Routinen können helfen, eine innere Ordnung herzustellen: Atmung, visualisierte Bewegungsabläufe, ein fester Handlungsstart – all das schafft im Gehirn Strukturen, die Flow begünstigen. Wissenschaftlich zeigt sich: Ohne Klarheit der Ziele, ohne Ordnung im Kopf, wird Flow kaum möglich. Und: Es braucht ein mentales Setting, das Störquellen weitgehend ausschaltet. Was außen ruhig ist, wird innen ruhig. Das kann man trainieren, sogar im Kleinen.

Tennisprofi Alex Moreno

Für mich waren Rituale immer elementar. Vor wichtigen Matches hab ich immer das Gleiche gemacht, von Musik über ein fester Ablauf in der Kabine bis zum ersten Mal den Schläger in die Hand nehmen. Die Atmung – das habe ich von Tomás Behrend – war mein Reset. Ich hab mich immer gefragt, Jonas: Gibt es solche Rituale auch im Alltag? Oder nur im Sport?

Prof. Dr. Jonas Keller

Absolut. Rituale sind keineswegs auf den Sport beschränkt. Das mentale Start-Ritual kann genauso bedeuten, den Arbeitstag mit einer Tasse Tee in Stille zu beginnen oder vor der Präsentation tief durchzuatmen. Ein kleiner, strukturierter Handgriff signalisiert dem System: Jetzt beginnt Fokus. Das lässt sich vom Tennisplatz ins Büro übertragen – genauso wie der Flow. Es geht um geschützte Räume – nicht unbedingt Mauern, sondern um ein bewusstes Abschotten gegen den Lärm. Im Arbeiten, beim Schreiben, sogar beim Abendessen mit der Familie. Und dann helfen konzentrative Techniken – Achtsamkeit, Atemfokus, Visualisierung. Die Routine der Klarheit und Ordnung – sie ist überall möglich, wo du bereit bist, dir selbst einen klaren Raum zu geben.

Tennisprofi Alex Moreno

Ich glaube, das ist das Schwierigste: Das Ritual nicht nur zu machen, weil es auf dem Plan steht, sondern, weil es dich voll in den Moment holt. Ich sag immer: Der Court kann Chaos sein, aber mein Kopf bleibt ruhig, wenn meine Routine steht. Vor Matchbeginn, vor dem ersten Punkt – einmal tief durchatmen, Schläger anschauen, Augen zu, los. Das hilft. Wär ich Coach im Büro, würd ich meinen Leuten raten: Such dir ein Start-Ritual. Mach was Kleines, aber mach es echt.

Prof. Dr. Jonas Keller

Genau, Alex. Das ist eine Brücke in den Alltag – die Übertragung des Flow-Prinzips in jede Lebenssituation. Entscheidend bleibt, dass du die Bedingungen für Flow verstehst: Ziele klar, Feedback unmittelbar, Schutzraum geschaffen, Routine gebaut. Ganz gleich ob du Tennis spielst, ein Team leitest oder Musik komponierst – Flow entsteht aus der Stimmigkeit von Herausforderung und Eigenkönnen, aus Leichtigkeit im Tun und Klarheit im Kopf. Rituale sind der mentale Anker, und die Konzentration auf das Wesentliche macht aus Belastung Flow. Darum sage ich: Probiert es aus, im Sport, im Job, im Alltag. Die Prinzipien sind universell, angepasst an den jeweiligen Kontext, aber Flow braucht dieselben Zutaten: Klarheit, Ordnung, Konzentration, Leichtigkeit. Und am Ende zählt diese innere Stille, in der Flow entsteht.

Chapter 3

Innere Ordnung, Selbstführung und mentale Performance

Prof. Dr. Jonas Keller

Wenn wir all das zu Ende denken, Alex, dann sind wir beim Kern des Flow-Performance-Konzepts nach Etzel & Behrend: nachhaltige Leistung als Produkt aktiver, bewusster Selbstführung. Es ist nicht der äußere Erfolgsdruck – nicht die Erwartung des Trainers, nicht die Deadline im Büro, nicht der kräftige Applaus. Leistung ist das Ergebnis von Ordnung im Inneren und Reflexion, von der Fähigkeit, klare Prioritäten zu setzen, emotionale und kognitive Balance zu halten und regelmäßig in den eigenen Kopf zu schauen, wie du so schön sagst: Mit der Taschenlampe unterwegs im Ich. Wer Leistung trägt, braucht keinen ständigen Druck – der weiß, woher sein Antrieb kommt. Flow ist dann kein Ausnahmezustand mehr, sondern ein Prinzip: Klarheit, bewusste Steuerung, Raum für Stille und für Resonanz.

Tennisprofi Alex Moreno

Du weißt, ich war nie der Talentierteste. Meine besten Matches waren die, in denen ich die Balance gefunden habe – und zwar im Kopf: zwischen Anspannung und Lockerheit, zwischen Ehrgeiz und Gelassenheit. Manchmal reicht ein kleiner mentaler Dreh. Glaubenssätze, Feedback, Erwartungen – all das kann pushen oder blockieren. Vor allem aber: Das Gefühl, du musst 110 % geben? Das ist Käse. Frag die Typen im entscheidenden Moment, keiner will 110 % – du willst einfach nur dein Gleichgewicht, das, was du in dir vorbereitet hast. Das ist kein Zufall, das ist immer Arbeit an dir selbst.

Prof. Dr. Jonas Keller

Genau dieses Gleichgewicht ist entscheidend. Das berühmte Bild des Dirigenten lässt sich wunderbar übertragen: Die Gedanken ordnen, Emotionen orchestrieren, den eigenen inneren Raum gestalten. Und dann, Schritt für Schritt, kleine Justierungen machen. Nicht immer sofort alles umkrempeln, sondern die 1%-Methode: jeden Tag eine kleine Entwicklung, ein bisschen mehr Klarheit, ein Prozent mehr Ordnung. Das ist Geduld, Realismus. Ich erinnere gerne: Erfolg beginnt selten mit dem großen Sprung – sondern mit kleinen Schritten, konsequent, geduldig, immer wieder gehst du über dein mentales Setting. Und dann wächst das Kompetenzprofil, die Souveränität. Es geht nicht darum, perfekte Kontrolle zu haben, sondern zu wissen, dass du der mentale Dirigent bist – im Job, im Match, zu Hause.

Tennisprofi Alex Moreno

Für mich war das ein Gamechanger. Ich kann mich erinnern, als ich meinen Fokus nicht mehr nur auf "mehr Gas geben" gelegt habe, sondern darauf, was mich in den Flow bringt. Atmung, Feedback, kleine Rituale. Es braucht keine Zauberei, sondern Klarheit – ein Realismuskompass, wie du sagst. Ich musste erst akzeptieren lernen, dass Leichtigkeit Arbeit ist. Dass Meisterschaft nicht entsteht, weil du einmal alles pulverisierst, sondern weil du immer wieder kleine Schritte gehst und weißt, was du machst und warum. Das ist für mich auch die Essenz: Nicht 110 %, sondern Klarheit. Der Rest kommt, wenn der Kopf stimmt.

Prof. Dr. Jonas Keller

Und das ist das Flow-Performance-Prinzip in Reinform – und der Grund, weshalb wir immer wieder über den Dirigenten sprechen: nicht als Machtfigur, sondern als Gestalter innerer Ordnung. Die 1%-Methode ist real: Jeden Tag ein kleines bisschen weiter, mit Geduld, Klarheit und der Bereitschaft, die eigene Balance zu finden. Es geht um Selbstführung – immer wieder zu schauen und nachzujustieren, wie das System funktioniert. Wer seinen Kopf mental aufräumt, sich die kleinen Schritte zugesteht, der baut nachhaltige Leistung auf. Und das, Alex, gilt eben nicht nur für den Sport – sondern für jeden, der langfristig wachsen und stark durchs Leben gehen möchte.

Tennisprofi Alex Moreno

Stimmt. Im entscheidenden Moment musst du dich darauf verlassen können, dass du all das gebaut hast, was dich trägt. Dann fragt niemand nach 110 %, sondern nur, ob du im Gleichgewicht bist. Am Ende willst du nicht perfekt sein. Du willst vollständig sein. Und ruhig bleiben, auch wenn's knallt.

Prof. Dr. Jonas Keller

Das fasst es schön zusammen: Am Schluss entscheidet nicht die Lautstärke, sondern die Klarheit der eigenen inneren Ordnung. Das Bild des mentalen Dirigenten ist die Einladung, Verantwortung zu übernehmen: für die eigenen Gedanken, für die Ordnung der eigenen Emotionen, für die stimmige Selbstführung. Dann wird Flow zur Haltung – und Leistung zur Folge innerer Ordnung. Ich danke dir für den Austausch, Alex.

Tennisprofi Alex Moreno

Danke, Jonas. War wie immer… ruhig, klar, trotzdem direkt. Ich freue mich schon auf das nächste Mal.

Prof. Dr. Jonas Keller

Ebenso. Bis zur nächsten Episode. Bleib im Gleichgewicht.

Tennisprofi Alex Moreno

Bis bald. Und ganz wichtig – nie die Leichtigkeit verlieren, nie den Kopf verlieren. Mach's gut, Jonas.