Prof. Dr. Stefan Etzel

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Im Inneren der Tropfsteinhöhle

In dieser Episode entführen Prof. Dr. Jonas Keller und Alex Moreno in die mentale Tropfsteinhöhle unserer Glaubenssysteme und zeigen, wie Neugier und Iffirmationen sanfte Veränderung ermöglichen. Dabei lernen wir, mit Selbstbeobachtung alte mentale Muster aufzubrechen und nachhaltige Leistung zu fördern.

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Chapter 1

Das Glaubenssystem als Tropfsteinhöhle

Prof. Dr. Jonas Keller

Lass uns doch direkt einsteigen, Alex. Glaubenssätze. – die klingen immer so klein, fast so, als würde man sie im Vorbeigehen am Kühlschrank aufschnappen, wie weise Sprüche aus dem letzten Motivationskalender. In Wahrheit sind sie aber, und das ist mir in so vielen Beratungen und mit Blick auf unsere Flow-Performance-Arbeit mit Stefan Etzel und Tomás Behrend immer wieder begegnet, eher ein verzweigtes Gesteinssystem, das tief in unserem Inneren wirkt – wie eine Tropfsteinhöhle, in der jeder Tropfen aus Erfahrung, Blick oder unausgesprochenem Urteil langsam Schicht um Schicht ablagert.

Tennisprofi Alex Moreno

Das trifft's ganz gut, Jonas. Für mich auf dem Court war das nie so ein einzelner Satz. Es ist'n ganzes System aus „Ich muss leisten“, „Ich darf keinen Fehler machen“. – Ich erinnere mich an ein Turnier, da kam mein Trainer, hat mich angesehen wie früher, als ich Kind war. Ein einziger Blick. Und dieser Blick hat sich eingebrannt. Immer wenn's eng wurde, war der da. „Ich bin nicht gut genug“ – das klingt wie ein einzelner Satz, ist aber eigentlich ein ganzer Berg aus alten Mustern.

Prof. Dr. Jonas Keller

Exakt. – Und unser Gehirn liebt eben diese Beständigkeit. Das ist kein Fehler, sondern im limbischen System fest verankertes Grundprinzip. Der Nucleus accumbens – unser Belohnungssystem – gibt uns sozusagen ein Dopamin-Klatschen, wenn alles beim Alten bleibt. Bestätigen wir damit unser gewohntes Selbstbild, erleben wir Kohärenz – und Kohärenz tarnen wir gerne als Wahrheit. Deshalb sortieren wir neue Informationen lieber aus, weil sie das System bedrohen könnten. Veränderung fühlt sich in diesem Selbstschutz-Modus wie ein Angriff an.

Tennisprofi Alex Moreno

Und ehrlich, das spürt man – auch als Profi. Wenn dir einer mit diesem „Stell dich doch vor den Spiegel und sag 'Ich bin großartig!'“ kommt. Ich hab das ja probiert – du knallst so ein großes neues Schild in die Tropfsteinhöhle, aber die ganzen alten Gesteine drumherum, die wehren sich. Das alte System bleibt zäh. Ich hab das erlebt, wenn du mal versuchst, gegen diesen „Ich bin nicht gut genug“-Brocken im Kopf direkt anzurennen. Dann schiebt das System zurück – manchmal härter, als du willst.

Prof. Dr. Jonas Keller

Genau. Das System verteidigt sich clever. Veränderung ist eben nicht, wie in manchen Ratgeberbüchern propagiert, einfach nur einen Satz ersetzen und gut ist. Nein, das ist, als würdest du eine Tropfsteinhöhle umgestalten, Stein für Stein, während du noch darin lebst. Und ich möchte das auch klar benennen: Wer tiefe Veränderungen will, braucht mehr als Willenskraft – er braucht Neugier und Verständnis für die gesamte innere Architektur, die da am Werk ist.

Tennisprofi Alex Moreno

Das ist das Ding. Manchmal wollte ich den Satz einfach wegdrücken, aber der kommt immer im falschen Moment zurück. Im Match, beim Training, im Alltag. Und dann bist du wieder voll in diesem alten Gestein drin – und jedes schnelle “Ich kann das!” stürzt sofort wieder ein. Diese Höhle, wie du sagst, die verändert sich nur langsam. Nicht mit Gewalt.

Prof. Dr. Jonas Keller

Und genau da setzt unsere Arbeit an. Die Kunst besteht darin, das System nicht zu bekämpfen, sondern Wege zu finden, es zu befragen, zu überlisten – und dafür braucht es eben Neugier. Lass uns da als Nächstes anknüpfen.

Chapter 2

Veränderung durch Neugier und Iffirmationen

Prof. Dr. Jonas Keller

Neugier, Alex, ist im Flow-Performance-Kontext nicht nur ein nettes Add-on, sondern tatsächlich der eigentliche Spaltöffner in der alten Gesteinsstruktur. Sie erlaubt Sicherheit und Wandel zugleich. Genau diese Neugier – „Was wäre, wenn ich mich irre?“ – öffnet Spalten im Fels, in denen dann neues Licht, neue Erfahrung überhaupt erst Platz bekommen.

Tennisprofi Alex Moreno

Wenn es um Veränderung geht, hat mir Neugier wirklich geholfen, Jonas. Ich erinnere mich an ein ganz simples Ding im Training: Ich war überzeugt, dass ich keinen Volley kann. Über Jahre. Immer, wenn ich im Training ans Netz sollte, bin ich steif geworden. Das Bild im Kopf war so groß, dass ich gar nicht erst versucht habe, was anders zu machen. Dann saß ich mal mit Tomás Behrend zusammen – weißt du, wie er immer so ruhig sagt: „Was wäre, wenn das nicht stimmt, Alex?“ Und das hat einen kleinen Riss in mein Muster gebracht. Zum ersten Mal habe ich mir erlaubt, einen Volley nicht wie eine Prüfung zu sehen, sondern wie eine Möglichkeit. Was wäre, wenn ich’s versuche? Und plötzlich ging was.

Prof. Dr. Jonas Keller

Das ist ein Paradebeispiel. Diese „Iffirmationen“, also die „Was-wäre-wenn…?“-Fragen, sind genau deshalb so entscheidend. Sie greifen das alte Glaubenssystem nicht frontal an – sie legen eine kleine Erosionsstelle an. Statt „Ich kann keinen Volley“ wird’s zum „Was wäre, wenn ich einfach nur heute mal ans Netz gehe?“ Oder, um’s im Alltag zu übertragen: „Was wäre, wenn Pausen nicht Stillstand, sondern Fortschritt sind?“ Das ist wie eine sanfte Erweiterung, kein Angriff. Und genau das weicht die Starre auf, erlaubt eine neue Erfahrung.

Tennisprofi Alex Moreno

Genau. Es reicht halt schon, nicht sofort zu denken: „Das klappt ja eh nicht.“ Sondern nur mal: Was, wenn’s heute klappt? Das hat mir mit Tomás geholfen. Nicht so tun, als wäre alles anders, sondern einfach Spielraum lassen. Manchmal reicht so ein kleiner Spalt, damit du anders trainierst, dich überhaupt mal anders siehst. Und dann – und das war für mich der Unterschied – geht das Alte ein bisschen zur Seite.

Prof. Dr. Jonas Keller

Und weil das Ganze eben keine Magie ist, sondern tatsächlich die logische Konsequenz unserer neuropsychologischen Architektur, empfehle ich diese Haltung auch für tief verwurzelte Überzeugungen. Du musst den alten Satz nicht ersetzen, sondern einfach infrage stellen, dich erwischen beim Denken – „Aha, da ist er wieder, der alte Tropfstein.“ Und mit Neugier kommst du ins Experimentieren – du wirst vom Gefangenen deiner Muster zum Forscher im eigenen System. Das ist die erste echte Richtungsänderung. Veränderung beginnt hier, nicht mit Kampf, sondern mit sanftem Umgestalten.

Tennisprofi Alex Moreno

Das ist im Training genau das Gleiche. Das Neue fühlt sich zuerst unsicher an. Manchmal sorgt nur Neugier überhaupt dafür, dass du bereit bist, dich zu blamieren, einfach zu probieren. Manche nennen’s Schwäche, für mich ist das der Start von echtem Fortschritt. Man kann die Dinge anders sehen, muss aber erstmal bereit sein zuzugucken.

Prof. Dr. Jonas Keller

Wunderbar. Und genau da setzt die nächste Stufe an: Selbstbeobachtung. Lass uns da direkt weitermachen, weil das die Veränderung auf den Punkt bringt.

Chapter 3

Selbstbeobachtung, innere Distanz und neue Erfahrungen

Prof. Dr. Jonas Keller

Der entscheidende Schritt ist, sich selbst beim Denken und Handeln zu ertappen – also der eigene Forscher zu werden. Ich nenne das gern, mit einem leichten Lächeln, den „Aha-Faktor“: „Da ist er, mein alter Tropfsatz vom Müssen oder Verdienen.“ Wer das erkennt, schafft innere Distanz. Beobachtung ist der Anfang echter Veränderung. Nicht bewerten, sondern wahrnehmen. Wer sich dabei ein wenig schmunzelnd erwischt, gewinnt den ersten Abstand zu seinem alten Muster.

Tennisprofi Alex Moreno

Ich hab das im Wettkampf gespürt. Da gab’s so’n Tag, ich stand im Viertelfinale, erste Runde ziemlich mies – Gedanken kamen hoch, wie früher: „Du bist nicht nervenstark, Alex.“ Früher hätt' ich das nicht hinterfragt, hätte sofort dicht gemacht. Diesmal dachte ich: Okay, was, wenn das gar nicht stimmt? Was, wenn ich’s einfach ignoriere und anders spiele? Und dann hab ich tatsächlich versucht, in entscheidenden Momenten ruhig zu bleiben. Kein Drama, kein inneres Schimpfen. Nur probiert, was passiert. Ergebnis? Der Satz ist ins Wanken geraten. Ich hab nicht gewonnen, aber – der Satz „Ich kann das nicht“ war plötzlich kleiner. Da beginnt echte Veränderung.

Prof. Dr. Jonas Keller

Das illustriert perfekt, wie aus Selbstbeobachtung und innerem Schmunzeln eine erste kleine Praxis wächst. Wer im eigenen Kopf einen Schritt zurücktritt, wird zum Dirigenten seiner Gedanken – nicht zum Spielball der Automatismen. Das gibt die Freiheit zu wählen, wie du reagieren willst. Innere Distanz ist kein Weglaufen vom Gefühl, sondern ein aufmerksames Danebentreten: „Okay, das ist mein Gedanke – will ich danach handeln?“ Diese Haltung fördert Selbstführung. Du bist nicht mehr Gefangener in deiner mentalen Tropfsteinhöhle, sondern du entdeckst neue Wege, Licht an neue Stellen zu bringen.

Tennisprofi Alex Moreno

Das ist das, was mir am meisten Klarheit bringt, Jonas. Diese Art von Selbstgespräch – nicht gleich urteilen, sondern beobachten. Das ist auf dem Court Gold wert. Plötzlich bist du frei genug, anders zu spielen, dich auszuprobieren und eben auch Fehler als neue Erfahrung zu sehen, nicht als alten Beweis, dass man’s eben nicht kann. Man wird Forscher und nicht dauernd Angeklagter im eigenen System.

Prof. Dr. Jonas Keller

Es geht eben nicht um schnelle Sätze oder kurzfristige Motivation, sondern um mentale Landschaften, die sich langsam verschieben. Wer neugierig bleibt, sich selbst beobachtet, und kleine Veränderungen zulässt, beginnt, die Höhle leise, aber stetig umzubauen. Nicht Kampf, nicht Zwang, sondern Klarheit. Und das ist der Boden, auf dem Flow-Performance dann wirklich entstehen kann.

Tennisprofi Alex Moreno

Genau. Nicht „weg mit dem Alten, her mit dem Neuen“, sondern einen kleinen Lichtstrahl ins Dunkle lassen und dann mutig sein, neue Schritte zu probieren. Für mich bleibt – ohne Selbstbeobachtung geht kein Fortschritt, nirgends.

Prof. Dr. Jonas Keller

So ist es. Und ich glaube, das ist auch ein schöner Punkt, hier diesen Einblick in die Arbeit an Glaubenssätzen erstmal stehen zu lassen. Denn wer neugierig bleibt, sich beobachtet und immer wieder die kleinen Schritte zulässt – der bringt nicht nur Leistung, sondern entwickelt auch innere Freiheit. Danke dir, Alex, für deine Offenheit. Und dir, der gerade zugehört hat: Mach's gut. Wir hören uns beim nächsten Mal wieder.

Tennisprofi Alex Moreno

Danke dir, Jonas. Es war wie immer ein gutes Gespräch – wir sehen uns beim nächsten Level. Bis bald!